Prototyping! Aber Richtig!

7 Fragen an Ben O’Hear von Revelate

Ben ist Partner bei Revelate, einer digitalen Designberatung mit Schwerpu. Eigentlich ist er irisch-schweizerischer Herkunft und lebt mit seiner Frau Stephanie Kieffer und ihren zwei Söhnen am schönen Ammersee. Ihre gemeinsame Firma Revelate hilft Unternehmen erfolgreiche digitale Angebote aufzubauen, indem es ihre Funktionalität an den Bedürfnissen der Benutzer ausrichtet und deren Erfahrung mit dem Produkt oder dem Angebot gezielt verbessert. Revelate arbeitet hauptsächlich mit Technologieunternehmen zusammen und beraten auch Startups als Accelerator und im Rahmen von Events wie Google Launchpad.

  1. Was muss ein Prototyp für eine Website mindestens können, um ausssagekräftige User Tests machen zu können?

Es muss dem Benutzer erlauben, die Webseite durchzuklicken, als ob sie bereits umgesetzt worden wäre. Aber eben nur für die Anwendungsfälle, die wir testen wollen.

2. Mit welchen Tools und Tricks erstellt ihr Prototypen, ohne gleich dieselbe Arbeit wie der tatsächlichen Programmierung einer Website stemmen zu müssen.

Wir nutzen vor allem zwei Tools: Powerpoint (oder Keynote) und die Kombination von Sketch und Invision. Powerpoint funktioniert erstaunlich gut, um schnell klickbare Prototypen zu erstellen. Allerdings ist man technisch eingeschränkt inwieweit das endgültige Design dargestellt werden kann. An diesem Punkt kommen Sketch + Invision mit ins Spiel. Sie erlauben, sehr realistische Prototypen zu bauen, jedoch brauchen sie etwas mehr Know-How.
Es gibt auch noch leistungsfähigere Tools, wie JustInMind oder Axure, mit denen man kpmplexe Prototypen bauen kann, die mehr Möglichkeiten als reine “Click-Dummies” bieten. Allerdings finde ich persönlich, dass der Aufwand sich selten lohnt und tendiere mehr zu einer “Quick and Dirty” Umsetzung, wo möglich auch für komplexere Prototypen.
Abgesehen von den Tools, ist es nicht immer zwingend nötig, Prototypen zu bauen. Z.b. Chatbots lassen sich wunderbar mit Whatsapp Prototypen.

3. Wie organisiert man so einen Test? Wer sollte den durchführen?

Da gibt es viele Ansätze, von ganz formellen über sogenanntes Hallway Testing (aka “Schnapp dir Jemand”). Für sehr kritische Situationen, wie Autos Dashboards oder Flugzeugcockpits lohnt es sich natürlich, den formellen Weg zu gehen. Für unkritische Situationen, wie z.B. die Erstellung einer Unternehmenswebseite, ist es in der Regel besser, informeller zu arbeiten und dafür mehr Tests mit demselben (oder weniger) Budget durchzuführen.

Die grösste Herausforderung ist meistens, Probanden zu finden. Wenn es einen Ort gibt, an dem sich unsere Benutzer aufhalten und Zeit haben (Behörden haben in dem Fall einen klaren Vorteil), können wir einfach dort hingehen. Ansonsten muss man sie durch die üblichen Kanäle rekrutieren und sie mit z.B. einem Gutschein incentivieren.
Ein UX-Experte sollte immer dabei sein, um sicherzustellen, dass die Tests ordentlich durchgeführt werden. Ansonsten, sollten so viele Personen aus dem Team wie möglich an dem einen oder anderen Test teilnehmen. Es gibt, meiner Erfahrung nach, keinen besseren Weg, um das Team auf Augenhöhe zu bringen und zu motivieren, ein wirklich gutes Produkt zu bauen.

4. Wie viele Befragungen muss man durchführen um ein belastbares Ergebnis zu bekommen?

Da ist es wichtig zu verstehen, warum man einen Usability Test durchführt. Wir machen es nicht, um zu beweisen, dass unser Produkt benutzerfreundlich ist, sondern wir wollen herausfinden, was für Usability Probleme da sind, mit dem Ziel, unser Produkt zu verbessern. Laut dem Usability Guru Jakob Nielsen reichen 5 Benutzer, um die Mehrheit der Probleme zu erkennen und das ist auch meine Erfahrung. Es kommt aber auch darauf an wie unterschiedlich die Anwendungsfälle sind und auch darauf, wie unterschiedliche Niveaus notwendiger Vorkenntnisse und genereller Erfahrung mit digitalen Medien unter den Probanden zu erwarten ist.

5. Wie dokumentiert man die Ergebnisse?

Wir priorisieren die entdeckten Probleme in Trello, einem Tool das im Prinzip digitalen Karteikarten entspricht. Das ist einfach und kann im Nachhein sehr schön sortiert und mit Schlagworten versehen werden. Dann entwickeln wir Design-Lösungen, die in den Entwicklungs-Backlog einfliessen. Damit machen wir es uns in der Dokumentation relativ leicht und fokussieren uns auf die Umsetzung. Anders ausgedrückt, wir versuchen die Probleme zu lösen, statt sie zu dokumentieren.

In formellen Umgebungen kann man natürlich auch einen Bericht schreiben, aber wir sind meistens in agilen Umgebungen unterwegs und wollen so schnell wie möglich vorankommen.

6. Wenn man die gewonnenen Einsichten umgesetzt hat, muss man dann noch einen weiteren Test zur Überprüfung durchführen? Und dann noch einen? Und dann noch einen?

Das wäre ideal, aber ist wegen Zeit und Budget selten realistisch.
Wie zuvor erwähnt ist das Hauptziel eines Usability Tests, dem Team zu helfen, ein besseres Produkt zu entwickeln. Wenn man die entdeckten Probleme gut versteht, ist die Chance gross, dass die Lösungen richtig werden. Auf jeden Fall ist man auch mit einem Test wesentlich besser unterwegs, als ohne.
Praktisch gesehe, muss man auch zwischen kontinuierliche Entwicklung und Projekte unterscheiden, die ein Anfang und eine Ende haben (zum Beispiel ein Relaunch).
Bei einer kontinuierliche Entwicklung sollte man regelmäßige Usability Tests einplanen, z.B alle 4 Wochen, je nachdem wie schnell das Entwicklungsteam ist.
Bei Projekten sind 3 Tests ein guter Anfang: Eines ganz am Anfang mit Prototypen. Ein zweiter, sobald man ein Grundgerüst mit den ersten Inhalten hat und ein weiterer nahe am Ende des Projekts, um die Kleinigkeiten zu verfeinern.
In beiden Fällen werden die Lösungen zu den Probleme, die in den früheren Tests entdeckt wurden, bei den späteren Tests nochmal geprüft.

7. Wann sollte man besser keine User Tests mit Prototypen machen?

Da sehe ich 2 Situationen:
1. Wenn unser Problem nicht Usability ist, sondern, dass wir die Bedürfnisse von unserem Kunden besser verstehen müssen. Da sind User Interviews aus der Design Thinking oder Lean Startup Ecke viel besser geeignet.
2. Wenn es um eine Weiterentwicklung geht, die schneller umzusetzen ist, als sie als Prototyp zu bauen.

Vielen Dank für das Gespräch Ben!

Prototyping erscheint aufwändig, aber selbst bei nur einem Durchgang im Test mit repräsentativen Vertretern der Zielgruppe, gewinnt man immer lohnende Einblicke und Anregungen zur Verbesserung. Insbesondere für die Verbesserung bestehender Angebote wird die Methode noch viel zu wenig eingesetzt, während sie für neue Geschäftsfelder schon zum guten Usus geworden ist. Wir unterstützen Sie gern bei der Planung und Umsetzung auch in Zusammenarbeit mit ihrem Designteam!

Kontakt Ben O’Hear/revelate
Ben O’Hear
UX Consultant, Revelate
Herrsching / Munich
E: ben@revelate.de
T: +49 8152 396 4101
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